Judith Hermann: Nichts als Gespenster

In sieben Variationen ihres Lieblingsthemas der unglücklichen Liebe und der allgemeinen Verlorenheit im Leben schickt Judith Hermann ihre Figuren in die Welt hinaus, obwohl den meisten das Reisen so suspekt ist wie der jungen Frau aus "Aqua Alta": "Zwei oder drei Tage vor dem Beginn einer Reise werde ich ängstlich, ohne Grund, alles scheint mir sinnlos, die Ferne, die Fremde, die Kontinente nicht anders als jeder Blick aus meinem Fenster, vier Wochen in einem unbekannten Land, wozu, denke ich, was soll da anders sein und was soll es mir nützen..."

Venedig, Prag und Karlsbad, die Wüste Nevadas, Island oder das Norwegen nördlich des Polarkreises - in sämtlichen Erzählungen wird die gewohnte Umgebung hinter sich gelassen, und sei es auch nur eine Fahrt in die deutsche Provinz, wohin die Ich-Erzählerin aus "Ruth (Freundinnen)" reist und sich in den Geliebten der besten Freundin verknallt. Nichts als Gespenster - gespenstisch wirken die Hermann'schen Figuren tatsächlich oft, in ihrer Orientierungslosigkeit und Indifferenz, mit der sie durch ihr Dasein laufen.

Genauso schöne, leichte Geschichten wie im ersten Buch. Man kann sich so hineinfühlen, versinken und am Ende erwachen wie aus einem Traum, über den man noch länger nachsinnt. Und dieses Offene wieder - das fasziniert mich sehr. Tolles Buch, eigentlich noch besser als das erste; vor allem auch, weil die Geschichten länger geworden sind. :]
11.6.05 23:53


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Ragnar Ohlsson: Und der Sinn des Lebens?

Eine Gruppe jugendlicher Umweltschützer besetzt ein Haus, um den Bau einer Umgehungsstraße zu verhindern. In den Wochen der Hausbesetzung diskutieren sie leidenschaftlich und lebendig über die wesentlichen Fragen des Lebens.

Eigentlich ist die Geschichte egal, sie ist auch nicht besonders tiefsinnig. Was dafür aber viel wichtiger ist, sind die philosophischen Fragen, die aufgeworfen werden. Es sind die grundlegenden Fragen, auf die man immer wieder stößt; wie z. B. "Haben wir einen freien Willen?", "Wann ist ein Mensch ein Mensch?" oder eben auch die Sinnfrage. Sie werden andiskutiert und man muss selbst weiter nachdenken, sich mehr Informationen besorgen. [In letzterer Hinsicht helfen auch gut die Kommentare des Autors am Ende des Buches zu jedem Kapitel.] Und das ist genau richtig so, denn ein einziges Buch kann ja niemals Antworten auf Fragen wie diese geben.
Hochphilosophisch. Dass gerade ich das lese, ist ja sehr erstaunlich. Nach "Sophies Welt" war ich ja eigentlich erstmal durch mit der Philosophie, hatte genug von alldem. Aber nach und nach erwacht das Verlangen nach Gedanken über solche Fragen, nach der Suche nach Antworten, wieder. Und es war toll, dieses Buch zu lesen. :]
12.6.05 23:02


Isabel Allende: Die Stadt der wilden Götter

Der 15-jährige Alex aus Kalifornien landet unversehens in der grünen Wildnis des Amazonasgebietes. Dort lernt er nicht nur die junge Brasilianerin Nadia kennen, die mit Geistern und Tieren sprechen kann, sondern auch das geheimnisvolle Volk der Nebelmenschen. Gemeinsam mit Nadia besteht Alex das Abenteuer seines Lebens.

So realistisch und doch wieder fiktiv. Man kann den Stil nicht wirklich beschreiben. Was ich bisher von Isabel Allende gelesen habe, war ja immer sehr realistisch, aber dies ist nun anders. Etwas Fantasy kommt dazu, Magie. Und einfach so gut! Die Begegnungen mit den Indianern, mit den Ureinwohnern des Urwalds, sind so mystisch, so interessant. Und eine Spannung zieht sich durchs ganze Buch. Einfach klasse. :]
15.6.05 23:43


Jostein Gaarder: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort

Es ist Weihnachten, und unten im Haus bereitet die Familie alles zum großen Fest vor. Da beginnt Ariel mit der kranken Cecilie zu sprechen: über die Schöpfung, den Kosmos und die Sinne, mit denen die Menschen die Schöpfung wahrnehmen. Umgekehrt möchte Ariel von Cecilie alles über das Leben der Menschen wissen, die im Gegensatz zu ihm ja sterbliche Geschöpfe sind. Zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben sieht sich Cecilie herausgefordert, ihre Existenz in der Welt zu durchdenken. Ein unendlicher Kosmos tut sich ihr plötzlich hinter Wörtern und Begriffen auf, den sie nur bruchstückhaft erfassen kann. Doch bei aller Unfertigkeit ist sie am Ende der Welt und sich selbst ein großes Stück näher gekommen.

So ein zauberhaftes, philosophisches Buch! So anregend zum Nachdenken! Ein Engel und ein Mädchen unterhalten sich über Himmel und Erde und werfen dabei Fragen auf, die man sonst ganz selbstverständlich übersieht. Jostein Gaarder ist wirklich ein ganz fantastischer Autor, der so leise, so ruhig beschreiben kann. Von einem "lebensbejahenden Buch" schreibt eine Journalistin im Züricher Tages-Anzeiger - und sie hat so Recht! Ich habe wohl kaum je ein schöneres Buch über das Leben gelesen. :]
18.6.05 10:33


Shan Sa: Kaiserin

Eigentlich sollte sie ein Junge werden, als sie im siebten Jahrhundert zu Zeiten der sagenhaften Tang-Dynastie geboren wurde. Denn sie sollte die Schmach ihres Vaters rächen, den ein Staatsstreich in die Verbannung trieb. Doch das Schicksal will es anders, und mit zwölf Jahren gelangt sie als eine von zehntausend Frauen in die Verbotene Stadt, um dem Kaiser, dem Sohn des Himmels, zu dienen. Als das mutige Mädchen, das lieber wilde Pferde zähmt, anstatt sich den traditionellen weiblichen Beschäftigungen hinzugeben, dem Sohn des Kaisers ins Auge fällt, ist sie nicht länger eine von vielen. Sie gerät in die Kreise der Macht und damit in einen Strudel von Missgunst, Intrige und Mord, dem sie ihr Leben lang nicht mehr entkommen wird. Als Herrscherin über das größte Reich unter dem Himmel droht ihr der Verrat - selbst von den eigenen Kindern.

Zuerst mochte ich dieses Buch gar nicht, ich war geradezu enttäuscht von dem schleppenden Anfang, vor allem da mir doch Die Go-Spielerin so gefallen hatte. Doch dann wurde ich mitgerissen von der Geschichte. Der eindrucksvolle Weg einer Frau an die Spitze eine riesigen Reiches wird hier beschrieben; nein, nicht beschrieben, sondern lebendig erzählt! Man erfährt alles über diese Frau; alles über ihre Gedanken, ihre Motive, ihre Leidenschaften. Faszinierend und absolut lesenswert! :]
30.6.05 23:31


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Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.

Heinrich Heine

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